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Soziale Beziehungen, Emotionen und der Organismus

Epidemiologische Studien erbrachten bereits Ende der 70er-Jahre, dass getrennt lebende oder geschiedene Menschen häufiger sowohl unter akuten wie chronischen Krankheiten leiden und um ca. 30 % häufiger Ärzte aufsuchen als Verheiratete, aber auch als solche Personen, die immer alleinstehend waren. Auch die Sterblichkeit einer Reihe von Erkrankungen liegt signifikant höher, so z.B. von Pneumonien, Herzerkrankungen und bestimmten Karzinomen.  In der „Grant-Studie" (Vaillant 1977, 1980) wurden die Lebensläufe von insgesamt 268 Harvard-Absolventen der Jahrgänge 1939 und 1940, die zu diesem Zeitpunkt körperlich wie psychisch gesund waren, über 45 Jahre verfolgt und ausgewertet. Dabei handelt es sich ausschließlich um Männer, da Harvard damals für Frauen noch nicht zugänglich war. Trotz dieser Einschränkung überwog der Vorteil dieses Selektionsprinzips: einem Harvard-Absolventen standen alle beruflichen und gesellschaftlichen Türen offen, jeder hatte es sozusagen selbst in der Hand, in seinem weiteren Leben das Beste daraus zu machen. Was entschied nun über beruflichen Erfolg oder Misserfolg, über Zufriedenheit im Privatleben? Ganz wesentlich offensichtlich das Reifeniveau der individuell zur Verfügung stehenden Abwehrmechanismen.

Was ist damit gemeint? Das Konzept der Abwehrmechanismen entstammt der Psychoanalyse und umreißt stabile und für die Einzelperson insgesamt wenig variable Bewältigungsformen zur Abwehr von psychischen Überlastungen durch innere und äußere Reize. Pathologisch ist zum einen ein „Zuviel" an Abwehr, vor allem jedoch auch das Fehlen verschiedener Mechanismen. Vaillant (1971) ging von einer Reifehierarchie aus, die er an einer Teilstichprobe von 30 Studienteilnehmern entwickelt hatte. Danach lassen sich die von Sigmund und Anna Freud beschriebenen klassischen Abwehrmechanismen in die folgenden vier Reifeebenen gruppieren:

  • psychotische Ebene, zu der wahnhafte Projektion und Verleugnung äußerer Realität zählen
  • unreife Ebene, zu der Projektion, passive Aggression, Identifikation mit dem Aggressor und Wendung gegen das Selbst gehören
  • neurotische Ebene mit Intellektualisierung, Verdrängung, Verschiebung und Reaktionsbildung
  • reife Ebene, durch Humor, Altruismus, Antizipation und Sublimierung gekennzeichnet

Unter den Harvard-Absolventen erwiesen sich diejenigen, die über reife Abwehrmechanismen verfugten, im Vergleich zu jenen, bei denen unreife vorherrschten, als beruflich eindeutig erfolgreicher und in ihrem Privatleben zufriedener. Doch nicht nur diese beiden Faktoren korrelierten mit der Abwehrstruktur, sondern auch Morbidität und sogar Mortalität, d. h. Mitglieder mit unreifen Abwehrmechanismen waren sehr viel häufiger krank und während des Beobachtungszeitraums in einem deutlich höheren Prozentsatz verstorben. Die Bevorzugung neurotischer Abwehrmechanismen hatte keinen Einfluss auf Morbidität und Mortalität, auch nicht auf beruflichen Erfolg und private Zufriedenheit. Gesichert scheint demnach, dass Bewältigungsstrategien gesundheitsrelevante Auswirkungen haben (Vaillant 1977, 1980).

In vielen Bereichen liegen heute wissenschaftlich fundierte Ergebnisse vor, die eine enge Verknüpfung von Beziehung und körperlicher wie psychischer Gesundheit gut belegen. Es konnte eindeutig belegt werden, dass eine verlässliche und gleichzeitig emotional positiv besetzte Bezugsperson, die nicht unbedingt die Mutter sein muss, mit seelischer Gesundheit im Erwachsenenalter korreliert. Ohne eine solche Bezugsperson entwickelte sich keiner der Probanden mit belasteter Kindheit zu einem gesunden Erwachsenen.

In der Kauai-Studie (Werner u. Smith 1982; Werner 1985) - benannt nach einer zu Hawaii gehörenden Insel, deren Geburtsjahrgang 1955, insgesamt 698 Neugeborene, über 25 Jahre verfolgt wurde - wurden neben der guten Beziehung zu einer primären Betreuungsperson einige weitere gesundheitsrelevante Prädispositionsfaktoren ermittelt: So wird z. B. die Anwesenheit weiterer Personen im Haushalt ebenfalls als Schutzfaktor, hingegen eine fehlende Entlastung der Mutter bei der Kinderbetreuung und damit ein permanenter Mutter-Kind-Kontakt als gewichtiger Risikofaktor definiert - ein Befund übrigens, der auch in transkulturellen Studien bestätigt wurde. Vereinfacht ausgedrückt: Großfamilien sind gesundheitsprotektiv, allein erziehende Mütter stellen einen Risikofaktor dar. Als Ergebnis der Kauai-Studie hinsichtlich der Bedeutung von Beziehung ist auch erwähnenswert, dass schlechte Beziehungen zu Gleichaltrigen, d. h. eine schlechte Integration in die Peer Group, einen hohen Prognosewert für spätere Störungen haben.

Neben sozioökonomischen Faktoren ist auch chronische Disharmonie in der Familie ein Hauptrisikofaktor für die kindliche Entwicklung. Ein belastetes Familienklima konnte auch bei späteren psychogenen Schmerzpatienten belegt werden: emotionale Ablehnung und körperliche Misshandlung seitens eines oder beider Elternteile, chronische Auseinandersetzungen zwischen den Eltern sowie Scheidung und Trennung, chronische Krankheit oder früher Tod eines Elternteiles, Übernahme von früher Verantwortung sowie einer Vermittler- oder Sündenbockrolle und ausgeprägte Leistungsorientierung wurden schon 1960 als typisch beschrieben. Auch in der Gestaltung ihrer Beziehungen im Erwachsenenleben fallen Gemeinsamkeiten in Richtung eines psychischen Masochismus auf.

Zum genaueren Verständnis der Wechselwirkungen zwischen Gesundheit und psychosozialer Situation haben in den letzten 15 Jahren ganz wesentlich Ergebnisse vonseiten der Psychoneuroimmunologie beigetragen. Diese belegen, dass psychosoziale Belastungen und körperliche Abwehr eng miteinander verknüpft sind. In zahlreichen psychoneuroimmunologischen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass Trennung und Verlust zu einer Suppression verschiedener Immunparameter führen. Bei den Partnern von Frauen, die an einem Mammakarzinom verstorben waren, zeigte sich, verglichen mit einem Messzeitpunkt vor deren Tod, eine deutliche Schwächung des Immunsystems. Ähnliches konnte bei Frauen nach einer Scheidung belegt werden: im Vergleich zu einer verheirateten Gruppe war ihr zelluläres Immunsystem im Jahr danach insgesamt deutlich geschwächt. Dabei wiesen jene Frauen die schlechteste Abwehrlage auf, die erst seit kurzer Zeit getrennt lebten und gleichzeitig emotional noch immer stark an ihren Partner gebunden waren, d. h. meist von diesem verlassen worden waren.

Doch nicht nur Verluste durch Trennung, Scheidung oder Tod fuhren zu immunologischen Veränderungen, sondern auch eine emotional belastende Partnersituation. Ist die Partnerbeziehung durch eine emotional besonders belastende Pflegesituation geprägt, wie sie bei Partnern von Alzheimer-Patienten untersucht wurde, so mündet dies ebenfalls in eine Schwächung des Immunsystems. In all diesen Studien wurden andere Faktoren, welche die Abwehrlage beeinflussen können (z.B. Nikotin, Alkohol, Medikamentenkonsum, Schlaf oder Ernährung), als intervenierende Variablen berücksichtigt, d. h. sie sind für die gemessenen Unterschiede nicht relevant.

Neben den individuell verfügbaren Bewältigungsstrategien konnte in den letzten Jahren für den Verlauf chronischer Erkrankungen das Vorhandensein einer stützenden Beziehung als bedeutsam belegt werden. So stellen auf ein Minimum reduzierte soziale Kontakte und damit verknüpfte Gefühle von Einsamkeit den wesentlichsten Faktor bei der Erklärung der deutlich erhöhten Sterblichkeit verwitweter Männer dar, während bei verwitweten Frauen - offensichtlich wegen ihrer Fähigkeit, engere Bindungen zu anderen Frauen einzugehen - diese nicht erhöht ist. Ob es sich um eine rheumatoide Arthritis, einen Herzinfarkt oder eine Krebserkrankung handelt, soziale Unterstützung durch den Partner oder auch eine andere verlässliche Bezugsperson trägt wesentlich zu einem günstigeren Verlauf bei, während das Fehlen einer solchen sich ungünstig auf die Prognose auswirkt.

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